Höchstkultur


Wenn man sich von Google gescannte Bücher anschaut, steht zu Beginn jedes PDF-Files eine recht menschheitsumarmende Einleitung, in der unter anderem dies steht:

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file – a reminder of this book’s long journey from the publisher to a library and finally to you.

Und leider steht da nicht, dass das kein Dienst an der Menschheit ist Bibliotheksbücher mit seinen neunmalklugeln Anmerkungen zu versehen und die Hälfte des Textes mit Kuli zu unterstreichen. Früher, als nur die Top 100 der Menschen Zugang zu den Büchern in den Bibliotheken der Ivy League hatten, konnte man vielleicht noch von geistreichen Marginalien ausgehen, heute nicht.

Eine junge Kulturpessimistin namens Anne Weiss sagt auf Spiegel Online:

Es tut zum Beispiel schon verdammt weh, was mit der deutschen Sprache angestellt wird. Früher konnten wir Hölderlin zitieren, heute können wir irgendwelche grässlichen Musiktitel nachsingen.

Verdammt weh tut ihr das. Ich kann auch überhaupt kein Hölderlin auswendig, denn Hölderlin auswendig zu lernen macht man nicht im vorbeigehen. Hölderlin heutzutage auswendig zu lernen ist harte Arbeit, Arbeit deren Sinn sich kaum erschließen mag, denn man muss sich schon in einen mental zweifelhaften Zustand befinden, dass einen das Pathos dieser Dichtung so sehr persönlich berührt, dass man es sich derart zu Eigen macht. Oder man ist Philologe, was einen mental fragwürdigen Zustand keinesfalls ausschließt.
Aber ich kann mehrere Hundert, auch gräßliche, Lieder des letzten Jahrhunderts auswendig … oder zumindest in großen Teilen mitsingen. Warum? Zum einen weil es die begleitende Musik einfacher macht sich den Text zu merken, sobald man erstmal anfängt sich den Text anzusehen, und zum anderen weil mir die Lieder tatsächlich etwas bedeuten. Aber wenn mich das im kanonsgeilen Bildungsbürgerverständnis von Frau Weiss doof macht, werde ich gerne von dieser Lektorin ausgerechnet der Lübbe-Verlagsgruppe als doof angesehen, aber nur solange es sie unglücklich macht.

Nach tausenden von Jahren abendlandbeendender Jugend von heute ist es endlich soweit, die Jugend von heute ist so furchterregend schrecklich, die sieht das selber ein.
Ich finde die Jugend super, solange sie nicht zuschlägt. Das gilt aber imperativ für alle anderen auch.

Who gives a fuck about Matthew Barney.

Gestern habe ich beim Spreeblick ein, ähh, ziemlich langweiliges Video mit Maxim Biller, Joachim Lottmann und einer kichernden Frau gesehen, in dem Biller unter anderen von Lottmann gefragt wurde, wer denn sein “Lieblingsphilosoph” sei, worauf Biller mit Überzeugungskraft sagte, er habe keinen, habe “sogar” Philosophie im Nebenfach studiert, aber er versteht das nicht, er weiß nicht worum’s geht. Schön und gut. Das hat mich doch sehr an Peter Neururer erinnert, der mal gesagt hat:

Ich habe früher auch die großen Philosophen gelesen. Doch dann habe ich gemerkt, dass die von meinem normalen Denken absolut abweichen. Jetzt lese ich nur noch Fußballfachbücher.*

Hach. Da sind zwei totale Unsympathen in meinem Kopf ein wenig näher zusammengerückt.

*Mehr vom großen Peter.

Orson Welles on top of his game.

Die armen Leute.

(via vidiocy)

Dass John Belushi schon ein Vierteljahrhundert tot ist, beunruhigt mich nicht so sehr, wie die Tatsache, dass es schon 15 Jahre her ist, dass ich mit einem Freund an Belushis 10. Todestag in unserer Schule Tische mit Erinnerungen an ihn vollgeschmiert habe, mir kommt das vor wie, naja, nicht sehr lange her, dabei ist seitdem noch mal halb soviel mehr Zeit vergangen wie von Belushis Tod bis dahin. Mir ist damals 1982 genauso weit weg erschienen, wie es mir heute weit weg erscheint. Liegt wohl daran, dass ich 1982 noch nicht sehr bewußt erlebt habe, mit die paar Jahre, die wo ich alt war.

Zum Gedenken an den nach Fatmir Vata lustigsten Albaner hier ein Video:

Ich habe mir gestern überlegt, ob ich was zu dem Peymann-Interview in der taz zu Christian Klar sage, aber gedacht, dass es die Zeit einfach nicht wert ist, und der Claus ruhig mal reden soll, er ist ja auch schon alt. Ich möchte nur noch Harry Nutts Fazit zitieren und bin ganz seiner Meinung.

Vielleicht war sein Kurzinterview auch nur das Dokument einer theatralischen Reflexionsverweigerung. Das geht in Ordnung, auch der Praktikumsplatz für Klar. Nur das System möchte ich doch lieber nicht von einem wie Peymann oder Klar verändert wissen.

Dass 80% aller Amerikaner ein Buch schreiben wollen, über Gott weiß was, aber selbst 42% aller College-Absolventen nie wieder ein Buch lesen und 70% aller Amerikaner seit 5 Jahren keinen Buchladen mehr betreten haben?
Ich weiß wie das zusammenpaßt, es ist Zeichen für eine unglaubliche Selbstüberschätzung, dass man meint aus dem Nichts ein Buch schreiben zu können, welches für andere interessant wäre gepaart mit der unsäglichen Ruhmessucht, mit der wir Menschen uns von Geburt an herumschlagenn müssen. Aber seltsam finde ich es trotzdem, da ich selbst Akademiker kenne, die sich nichts schlimmeres vorstellen können als ein Buch zu lesen, aber auch nie auf die Idee kommen würden eins zu schreiben … andererseits man kann ja auch Bücher mit Bildern von Motorrädern oder Cockringen füllen.

Hier noch ein paar mehr prima Ergebnisse:

* 1/3 of high school graduates never read another book for the rest of their lives.
* 42 percent of college graduates never read another book after college.
* 80 percent of U.S. families did not buy or read a book last year.
* 70 percent of U.S. adults have not been in a bookstore in the last five years.
* 57 percent of new books are not read to completion.
* 70 percent of books published do not earn back their advance.
* 70 percent of the books published do not make a profit.

(via mobileread)

Ich wäre gern Zeuge eines Streitgespräches zwischen Antonin Artaud und Herbert Grönemeyer, die sich über die Grundverfaßtheit der Natur austauschen. Auf der einen Seite, der psychopathische Megalomaniaman Artaud, der die Grausamkeit zum Grundprinzip aller Natur erklärt und zu welcher er die Menschen durch einen Theaterbesuch in einer seiner Multimediaschauen zurückführen zu können glaubte … denn diese ursprüngliche Grausamkeit war für ihn in reiner Form wohl immer noch erstrebenswerter als ein halbgares Sozialwesen, natürlich. Und zum anderen der deutsche Lyriker Nummer Eins, für den die Erde, vor allem im Gegensatz zu uns, die wir wohl nicht Teil der Erde sind, "freundlich, freundlich" ist. Die ganze Stophe ist ziemlich super:

„Welche Armee ist heilig / Du glaubst nicht besser als ich / Bibel ist nicht zum einigeln, / die Erde ist unsere Pflicht / Sie ist freundlich, freundlich – / wir leider nicht.“

Ich habe das Lied mangels Radiobeschallung noch nicht gehört, befürchte aber, dass das nicht so bleiben wird, aber da sowohl die FAZ, als auch die Welt gestern längere Feuilletonartikel dazu hatten, muss das wieder ein kulturelles Großereignis ersten Ranges sein.

In der Sache "Natur: freundlich oder grausam?" bin ich der Meinung, dass es ziemlich beknackt ist, allem im Universum unsere Moralkategorien aufzwingen zu wollen. Mir ganz persönlich sind niedliche Pflanzenfresser auch unendlich sympathischer als ewig halbstarke Löwen, vor allem wohl weil sich meine Angst vor Kaninchen in Grenzen hält, aber das ist nicht so entscheidend wie ich das bewerte und ändert nichts daran, wie es ist.

Mein Lieblingskommentar aus dem FAZ-Artikel:

"Mit einem Wort: ein schwachbrüstiger Song mit bombastischem Arrangement, das an Nino de Angelos „Jenseits von Eden“ denken lässt, und ein Text wie aus dem Brainstorming einer Reli-AG der Regenbogen-Ära: Wir haben die „freundliche“ Erde nur geliehen – von unseren noch viel freundlicheren, zum Glück ja bald die Macht ergreifenden Kindern wahrscheinlich."

Ganz gutes Video von Microsoft aus den 80ern.




(via boing boing)

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